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Pressespiegel 2011

WDR, 03.04.2011

Plasberg Persönlich

Ich wär so gern … 

 

Bodo Jens Förster hat als Tierpfleger in Berlin seine Liebe zu Elefanten entdeckt. Aber Zootiere betreuen reichte ihm nicht. Also ging er nach Asien als Elefantenführer. Zurück blieb seine Familie und die Frage, wie hoch ist der Preis für den Traumberuf.

zum Originalartikel, Die Zeit, 18.03.2011

Sprich mit ihm!

Einen Elefanten reitet man nicht einfach so. Um es zu lernen, muss man sein Vertrauen gewinnen. Drei Tage mit einem großen Freund im nordthailändischen Dschungel-Camp. 

 

Ist das wirklich Haut? Oder trockenes Leder? Rau, dick, mit schwarzen Borsten darauf. Muss Haut sein. Ich stehe vor einem Exemplar des größten Landsäugetiers der Erde. Und streichle seine Flanke.

Geh zu deinem Elefanten, hatte Bodo gesagt. Sprich mit ihm. Und denk nicht mal dran, seinen Namen falsch auszusprechen: Er heißt Phu Sii. Nicht Pussy. Phu Sii bedeutet auf Thailändisch: Sii, der Bulle. Schon aus 50 Meter Entfernung ist jede Verwechslung ausgeschlossen. Phu Sii, 3,20 Meter Schulterhöhe, fünf Tonnen schwer. Mir ist etwas mulmig.

Was erzählt man einem Elefanten bei der ersten Begegnung? Ich schraube meine Stimme eine halbe Oktave tiefer, schon um mich zu beruhigen. »Hallo, Phu Sii, ich komme aus einer anderen Welt, wo man Dinge mit Elektrizität macht und in geschlossenen Kisten lebt. Ich will dich respektieren und gut zu dir sein.« Phu Sii lässt keine Regung erkennen, wackelt nicht mal mit dem Rüssel.

Wir stehen uns gegenüber im nordthailändischen Bergland, 60 Kilometer südwestlich von Chiang Mai. Eine halbe Stunde lang hat Bodo am Morgen seinen Jeep über buckelige, von der Regenzeit ausgewaschene Pisten den Berg hinaufgequält. Das Camp liegt mitten im Dschungel am Rande des Doi-Inthanon-Nationalparks. Obwohl das Klima hier, auf 1000 Meter Höhe, mild ist, rinnt mir der Schweiß herunter. Die Stechfliegen tun, was sie tun müssen. Auf Deo und Insektenspray habe ich verzichtet. Damit Phu Sii meinen Geruch in seinem riesigen Gehirn abspeichern kann. Fünfeinhalb Kilo Hirnmasse, die Stirnlappen komplexer gefaltet als beim Menschen. 200 Personen kann ein Elefant unterscheiden. Und die 150.000 Muskeln in seinem Rüssel so präzise und sensibel steuern, dass er damit malen kann. Oder Baumstämme heben.

Eine Begegnung auf Augenhöhe, hat Bodo gesagt. Und in genau diesen Augen zuckt es jetzt. Die große, braun-golden gesprenkelte Iris unter dem Gestrüpp der Wimpern zieht sich zusammen. Phu Sii fokussiert mich. Ich versuche, meine fahrigen Hände unter Kontrolle zu bringen. Betaste seine Ohren. Mein Gegenüber ist vierzig, also etwa in meinem Alter. Aus seinen Schläfendrüsen läuft ein dickflüssiges Sekret. Er ist, das habe ich mir vorher angelesen, in der Musth. Das bedeutet: Dieser Bulle ist bis unter die Schädeldecke voll mit Testosteron. Er will eine Kuh. Könnte sein, dass er etwas reizbar ist. Kann man verstehen. Ich rede weiter. Irgendwas. Könnte auch das Berliner Telefonbuch aufsagen. Es geht nur um Melodie und Tonlage.

Dass ich mich überhaupt so nah an Phu Sii heranwage, hat zwei Gründe: Da ist Bodo Förster, der seit 25 Jahren Umgang mit Elefanten pflegt. Und da ist Mek, der junge, drahtige Mahut, der Elefantenführer. 18 Jahre alt, immer ein Strahlen im Gesicht. Er spricht kein Thai und auch kein Englisch. Er gehört zu den Karen, einem Bergvolk, das im Grenzgebiet zu Birma lebt. Ich möchte ein wenig von dem lernen, was Mek schon seit Kindesbeinen tut.

Es beginnt mit einer vertrauensbildenden Maßnahme. Wir vier Teilnehmer des »education trip« sitzen mit Bodo auf dem Boden. Das Camp liegt in einer kleinen Talsenke. Früher wurde hier Teakholz geschlagen. Doch jetzt sehen wir keine Bäume mehr, sondern nur noch Rüssel und Beine. Die Herde ist zusammengekommen und steht Bauch an Bauch und Bein an Bein um uns, über uns. Nein, wir müssen keine Angst haben, sagt Bodo. Und zieht an seiner Zigarette. Elefanten mögen Tabakrauch. Eines der Kälber tollt zwischen den Beinen der Kühe herum. Die Herde wird unruhig. Trotzdem wird niemandem auf die Füße getreten. Nach ein paar Minuten atmen wir wieder normal. Die Vorstellung, jetzt gleich auf einen Elefanten zu steigen, erscheint überhaupt nicht mehr abwegig. Das ist ein Moment nach Bodos Geschmack. An eine Grenze gehen. Die Angst überwinden. Vertrauen fassen. Einfach machen. Und sich danach schön leicht fühlen.

Zehn Minuten später fühle ich mich noch leichter. Ich sitze zum ersten Mal oben. »Che-Lo«, hatte Mek gerufen, Phu Sii den Kopf zum Boden geneigt. Ich sprang, wie man einen Bocksprung macht, auf seinen Kopf. Phu Sii erhob sich. Und ich musste mich einmal um 180 Grad drehen. Schöne Aussicht, wie im Oberdeck eines Doppeldeckerbusses. Ich sitze auf Phu Siis Nacken, meine Füße hinter seinen Ohren, wo die Haut überraschend rosig und weich ist. Halt geben mir allein die Muskeln an den Innenseiten meiner Oberschenkel, die ich im langsam wiegenden Rhythmus seiner Schritte zusammenziehe, wobei ich das Becken vor und zurück wiege. Der Elefant gibt die Geschwindigkeit vor, sagt Bodo. Man muss sich auf ihn einlassen. Erst dann kann man ihn im Ansatz verstehen. Begib dich in die Langsamkeit des Tiers.

»Huuuuu!«, rufe ich bald, »vorwärts!«. Eines von acht Kommandos, mit denen ich den Doppeldecker in den nächsten Tagen manövrieren werde. In der rechten Hand den stumpfen Mahut-Haken, den ich hinter Phu Siis Ohren ansetze und in die Richtung ziehe, in die er seine mächtigen Schritte lenken soll. Wie beim Auto. Die Bremse heißt »Hau!«, dazu setzt man den Haken an der Stirnwölbung in der Mitte des Schädels an und zieht nach hinten. Mein Körper wird von einem Hormoncocktail geflutet. Dieser Fünftonner, der weiß, dass er mich mit einer Bewegung töten könnte, tut, was ich will!

Phu Sii ist erst seit zwei Monaten in Bodos Camp. Davor hat er auf der Insel Phuket in einem der typischen Massenbetriebe gearbeitet, zu denen Touristen im Verlauf einer Tagestour gekarrt werden: Man sitzt eine Stunde lang bequem auf einer Bank auf dem Rücken des Elefanten. Dann kauft man Bananen, füttert ihn damit und steigt wieder in den klimatisierten Bus. Die Tiere sind im Dauereinsatz.

Seit die thailändische Regierung in den achtziger Jahren das Abholzen der Wälder verboten hat, sind Elefanten als Arbeitstiere kaum noch gefragt. Die Mahuts, die meist ihr ganzes Leben mit einem Tier verbringen, gingen zum Betteln in die Städte, besonders nach Bangkok – in eine Stadt, die schon für Menschen anstrengend genug ist. Was hat ein Elefant nachts im Rotlichtviertel Patpong zu suchen, zwischen Strip-Bars und brüllenden Lautsprechern? Durch den Stress, die Abgase, die Amphetamine, die mancher seinem Tier ins Futter mischte, kam es immer wieder zu Amokläufen.

Elefanten können Psychosen entwickeln. Manchmal setzt ein Tier jahrelang gleichmütig einen Fuß vor den anderen. Und plötzlich rastet es aus. Dann hat sich etwas angestaut, so wie bei manchen Menschen. Die Psychosen sind heilbar, sagt Bodo. Durch Respekt und Vertrauen. Sein »Viehzeug«, wie er es liebevoll nennt, hat eine Zweitagewoche. Die vier Stunden Schlaf, die es braucht, bekommt es im Dschungel. Dem Viehzeug geht es prächtig. Das kann man auch an den Füßen erkennen. Ein feuchter Rand um die Zehennägel ist ein gutes Zeichen. Dort transpirieren Elefanten; ihre Haut hat keine Schweißdrüsen.

Mae Bun Ngae, die Leitkuh der Herde, ist trächtig. In ihrem Bauch trampelt schon das Kalb. Es wurde vor 20 Monaten gezeugt. Vor Gästen.

Erster Ausritt, eine Stunde durch den Dschungel. Auf Augenhöhe jetzt: Baumkronen, Ameisennester, riesige Spinnen in ihren Netzen. Man muss die Augen offen halten. Und sehr viel schreien. Es gibt keinen Grund, im Wald leise zu sein, sagt Bodo. Die hier lebenden Kobras und Mambas sind dankbar für den Hinweis.

Phu Sii bleibt immer wieder stehen, rupft ganze Büsche und kleine Bäume aus dem Boden. 50 Tonnen Nahrung gehen pro Jahr durch einen Elefanten. Als schlechte Futterverwerter produzieren sie mit ihren Flatulenzen monströse Methanwolken. Das Krachen, als er das Holz zwischen seinen Zähnen zermahlt, geht als Erschütterung durch den ganzen Körper.

Aber Phu Sii soll jetzt nicht fressen, sondern laufen. Gib ihm mit dem Haken eins auf den Deckel, ruft Bodo. Ich mag Tiere nicht schlagen. Mein erster Versuch sieht aus, als würde ich ein Frühstücksei aufklopfen. Bodo kommt her, nimmt den Haken und verpasst Phu Sii unter martialischen Schreien ein paar auf die Zwölf. Ich zucke. Das tut ihm nicht weh, sagt Bodo. Wenn man ihn am Kopf streichelt, merkt er das gar nicht. Das Streicheln spürt nur der Streichelnde. Du musst ihm zeigen, wer der Mann ist. Und immer lächeln dabei. Am Abend wird meine Stimme so rau klingen, dass ich mich als Aushilfssänger bei AC/DC bewerben könnte, meine Arme werden zerschrammt sein wie die von Bruce Willis in Die Hard. Ich werde wanken wie ein Matrose beim Landgang, morgen mit einem prächtigen Ganzkörpermuskelkater erwachen und drei Eier zum Frühstück essen.

Aber jetzt müssen wir baden. Das ist zwingend, bevor man Elefanten sattelt. Unablässig bepudern sie sich mit Sand und kleinen Steinchen. Die würden die drei Zentimeter dicke, aber recht empfindliche Haut unter dem Sattel aufscheuern. Die Elefantenbadewanne ist ein natürliches Bassin, in das sich ein Wasserfall ergießt. Normalerweise würde Phu Sii sich lieber im Schlamm wälzen. Nun schiebt er sich vorwärts in die kühlen Fluten. Seine Farbe wechselt von Staubgrau zu Dunkelbraun. »Melo!«, rufe ich, auf seinem Nacken sitzend. Runter! Phu Sii taucht ab wie ein U-Boot. Ich setze den Haken an seinem Rücken an, ziehe ihn auf die Seite, wische mit bloßen Händen den Sand herunter. Schwer zu sagen, wie lange der Elefant unter Wasser bleibt. Die Wahrnehmung der Zeit wird in meinem Bewusstsein gerade auf neue Parameter umgestellt. Das hier geht so schnell und zugleich langsam, dass ich kaum glaube, es wirklich zu erleben. Heute Morgen, als Bodo uns abholte, trug ein livrierter Page meinen Koffer aus einem gediegenen Hotel in Chiang Mai. Ein paar Stunden später hängt eine weite schwarze Mahut-Hose auf meinen Hüften, ich plansche mit einem Elefanten. Und nun erhebt sich diese gewaltige Masse unter mir. Als würde ein Wal in Zeitlupe auftauchen. Sauber.

Triefnass reiten wir zu der Rampe neben der Pfahlhütte, in der die Mahuts schlafen. Eine drei Meter hohe Holzkonstruktion, auf der die Schlingen, Ketten, Decken und Transportkörbe liegen. Satteln ist die nächste Übung. Mek reicht mir das lange Seil an, das hinter den Vorderbeinen um den Bauch gezurrt wird. Phu Sii hebt behutsam einen Fuß, dann den anderen. Ganz einfach. Drei Lagen grobe Decken, zwei Gummimatten, der eiserne Korb, auf dem Passagiere und Lasten transportiert werden. Dann die hintere Schlinge. Phu Sii hebt den Schwanz, ich ziehe ihn an der borstigen Spitze durch die Öse. Ketten mit Karabinern, ein paar Knoten. Geht schnell von der Hand, doch sollte man schwindelfrei sein. Bei dieser Aktion steht man freihändig. Es geht um Vertrauen. Vertraut mir, sagt Bodo, vertraut den Tieren, vertraut euch selbst.

Am Morgen des zweiten Tages schlagen wir unten im Dorf mit Macheten saftiges Gras für die Elefanten, packen es in Ballen auf das Dach des Jeeps. Bodo ist bemüht, immer Futter hinauf in das Camp zu schaffen, seine Herde hat das Areal schon ziemlich gelichtet. Er lässt sogar Heu kommen. Hat länger gedauert, den Thais zu erklären, was das ist.

Nun sitzen wir wieder auf dem Boden. Diesmal mitten im Dschungel, beim Schlafplatz der Herde. Die gleiche Begrüßung wie zuvor. Heute können wir die Tiere bereits erkennen. Keine Spur mehr von Angst. Wir reiten über einen alten Pfad der Karen, lange Zeit ein Weg für den Opiumschmuggel.

Wie ist Bodo Förster, geboren vor 48 Jahren im thüringischen Saalfeld, Fagottist, später Trompeter im örtlichen Jugendorchester, hierhergekommen? Wie ist er zum unübersehbaren, unüberhörbaren Leitbullen für Dutzende Elefanten geworden, dessen Unternehmen rund 400 Menschen im Umkreis ernährt?

Bodo nennt sein Leben eine »typische Osthippie-Biografie«. Er dressierte die ersten Tiere im Alter von neun Jahren, vergesellschaftete einen Wellensittich mit einer weißen Maus. Nachdem er bei der NVA beinah vor die Hunde gegangen wäre, kam er 1986 nach Berlin, lebte mit Frau und Kindern zwei Jahre auf der Straße, nahm schließlich einen Job als Hilfsarbeiter in der Futtermühle des Tierparks Friedrichsfelde an. Ein paar Meter weiter standen die Elefanten. Er ging zum Zoodirektor: Das will ich machen. Tembo, sein erster Bulle, damals ein Kalb, lebt heute noch. 1989, in der Nacht zu Bodos Geburtstag, fiel die Mauer. Er schwor sich: In einem Jahr bist du in Asien. Er wollte dorthin, wo die besten Elefantenführer ausgebildet werden, nach Laos und Thailand. Er blieb vier Monate und kam immer wieder. Vor zehn Jahren eröffnete er sein erstes Camp. Bodo, der es hasst, wenn man ihn »den Elefantenflüsterer« nennt. Nicht nur, weil er mit einem ironischen Blitzen in den Augen herumschnauzt, als wolle er sich nachträglich noch einmal über die NVA lustig machen.

Sri Chinmoy, der greise indische Guru, zu dem schon Carlos Santana ging, kam eines Tages zu Bodo und wollte einen Elefanten heben. Eine seiner spektakulären, medienwirksamen Aktionen. Mit ihm kamen Hunderte von Beobachtern und Kamerateams. Ein Kalb von knapp 300 Kilo wurde ausgesucht, es wollte nicht stehen bleiben auf der Plattform, unter die der Guru treten sollte, um es anzuheben. Die Mutter drehte durch. Bodo schickte alle weg und »überredete die Mutter, ihr Kalb zu überreden«. Und Sri Chinmoy konnte seinen Elefanten stemmen.

Bodo, der bei seinen längeren Trekkingtouren ohne Zelt im Dschungel schläft, er sagt: Die Begegnung mit der Kreatur ist etwas Spirituelles. Ihn habe sie Demut und Gelassenheit gelehrt.

Eigenschaften, die hilfreich sind bei der dritten und letzten Stufe des Kurses: Baumstämme verladen. Dazu muss man sich mit mehreren Elefanten und den Reitern koordinieren. »Oh!« heißt das Kommando, kurz und guttural hervorgestoßen. Mindestens zwei Tiere gleichzeitig heben einen Baumstamm an, schubsen ihn dann mit den Füßen einmal quer über die Lichtung und stapeln die Stämme. Nach zwei Stunden in der Mittagssonne sind alle geschafft. Auch die Menschen.

Bodo und ich sitzen hinten, in dem Korb. Mek reitet Phu Sii. 120 Kilo Bodo, 85 Kilo Ralph, 50 Kilo Mek. Wir halten auf einen Wasserlauf zu. Phu Sii hebt den Rüssel und trompetet. Er will nicht in dieses Wasser. Vor Kurzem, während der Regenzeit, war der Wasserlauf ein reißender Strom. Bodo brüllt etwas auf Thai. Dann steigt Phu Sii ins Wasser. Rechts und links ragen die Berge auf. Wir rauchen.

Werde ich auf immer in Phu Siis riesigem Gehirn gespeichert sein? Phu Sii hat dich morgen schon vergessen, sagt Bodo. »Ich übrigens auch. Ich habe übermorgen die nächsten Gäste und muss mich völlig neu einstellen und einlassen.«

Phu Sii wird mich vergessen. Ich ihn nicht.

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